und spreche, schreie, brülle, flüstere hauche, keuche, weine, lache die Balladen des François Villon aus meiner Seele. Barfuß, in zerrissenem Pullover und mit Schiebermütze, in der ich nach jeder Ballade Geld einsammle.“
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So beschreibt Kinski seinen allerersten Rezitationsabend im Frühjahr 1952 im Berliner Cafe Melodie. Zehn Jahre später beendet er eine Karriere, die Ihresgleichen sucht, wendet sich von der Bühne ab und dem Film zu. Die zuvor erbrachte Leistung ist rekordverdächtig, umfaßt mehrere hundert Auftritte in zumeist ausverkauften Sälen. In nur 4 Jahren, zwischen 1959 und 1962, nimmt er 30 Sprechplatten auf. Als Deklamator schafft er es 1961 sogar auf die Titelseite vom Spiegel, dort will man wissen, daß „eine Milllion Deutsche ihn gehört haben“ und errechnet über 389 Vorstellungen für die vorangegangenen 3 Jahre. Zu dieser Zeit ist er noch weit davon entfernt ein Weltstar zu sein, hat erst einige Nebenrollen und die ersten beiden Edgar-Wallace-Filme aber noch keine Hauptrolle gedreht. Aber er hat ein Publikum, das Ihn als Literatur-Presley verehrt und der Mythos Kinski ist bereits in aller Munde. 1961 tritt er nur fünfmal auf, dann zwingt ihn ein alter Vertrag zurück in den Tourneealltag. Er möchte das Neue Testament bearbeiten und sprechen, aber der Tourveranstalter winkt ab. Schließlich einigt man sich auf klassische Monologe, die Kinski nicht nur rezitieren, sondern in Kostüm und Bühnenbild spielen möchte. Der Presse erklärt er, dass er nicht Goethe, sondern Kinski sprechen werde. Die Erwartungen sind enorm, die Tournee ist ausverkauft. Die Premiere findet am 13. Oktober 1962 im Berliner Sportpalast statt und wird in der lokalen Presse gnadenlos verrissen.
Kinskis verhängnisvoller Irrtum besteht schlicht und ergreifend im Übersehen der Tatsache, dass Sprechtheater für Arenen oder Stadien nicht geeignet ist: Zu wenig ist auf den hinteren Rängen zu erkennen. Bei seinen früheren, auf den Effekt zielenden, lautstarken Wortsalven machte das dem Publikum, ähnlich wie bei Rock-Konzerten, nichts aus, war er gut zu verstehen und sein ekstatischer Vortrag mitreißend, aber mit nachdenklicher Stimme, in klassische Gewänder gehüllt, erfüllt Kinski die Erwartungen des Publikums an Großveranstaltungen im Allgemeinen und an ihn im Besonderen nicht. Er verkennt die Ursachen dafür, ist tief beleidigt und beginnt die Stimmung aufzuheizen. Mal wirft er einen Kronleuchter mit brennenden Kerzen ins Publikum, mal stört er sich lautstark am Lachen oder am Husten eines Zuschauers. Er sucht und findet Gründe, die Abende vorzeitig abzubrechen, was ihm bei ungefähr der Hälfte der über 20 Auftritte gelingt.
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Der Verlauf von Kinskis Tournee wirkt ein wenig wie die Abtreibung eines nie gewollten Kindes, und mit seinem letzten Auftritt am 9. Dezember in Wien – den er nicht vorzeitig abbricht – beendet er ein weiteres Kapitel seiner Karriere. In den nächsten Jahren gelingt ihm der Aufstieg zum international gefragten Filmstar. Er residiert in einer ehemaligen Schlossburg und Kirche in der Via Appia Antica und investiert sein schnell verdientes Vermögen in Luxuslimousinen, Dienstboten und Parties. Im Italo-Western wird sein Gesicht zum Gütesiegel, nicht selten dreht er mehr als zehn Filme pro Jahr. Erst 1971 zwingen ihn die italienische Filmkrise, der dortige Unmut über seine Allüren, seine Schulden und zwei deutsche Angebote in die Heimat zurück. Der junge Filmemacher Werner Herzog möchte Aguirre – Der Zorn Gottes mit ihm drehen, aber zuvor soll er noch den ersten Teil seiner Jesus Christus Erlöser-Tournee absolvieren. Der visionäre deutsche Konzertveranstalter Klaus Berenbrok, der in den Vorjahren erfolgreiche Tourneen mit Juliette Gréco, Udo Jürgens und Gilbert Bécaud durchgeführt hat, ist bereit, Kinskis alte Idee mit ihm umzusetzen. Eilig wird ein Tournee-Plan mit zehn Veranstaltungen für den Zeitraum vom 20. November bis 15. Dezember erarbeitet.
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Die Premierenveranstaltung, deren Verlauf im Film Jesus Christus Erlöser so präzis rekonstruiert wurde, dass jedes von Kinski vor Abbruch der Veranstaltung auf der Bühne gesprochene Wort enthalten ist, gerät zum Debakel. In den nächsten Tagen sind die Zeitungen voller Berichte über ihren zuverlässigsten Krawall-Lieferanten, gegen den man sich diesmal auf das Schärfste wendet. Die Berichterstattung ist einseitig, Kinski wird zur Witzfigur stilisiert, die Provokationen des Publikums werden mit keinem Wort erwähnt. Niemand schreibt, dass die erste Störung bereits nach fünf Minuten erfolgte und der Erleuchtung eines Zuhörers zu verdanken war, der laut bezweifelte, „dass Kinski Jesus ist“. Die Atmosphäre ist vergiftet, der Vorverkauf für weitere Veranstaltungen erschwert. Berenbrok bittet bereits am 26. November um Entlassung aus seinen Verpflichtungen und meldet kurze Zeit später Konkurs an. Kinskis letzter Bühnenauftritt überhaupt, der am 27. November in der Düsseldorfer Philips-Halle stattfindet, wird bereits von Berenbroks ehemaligem Angestellten Richard Schulze durchgeführt. Kinski tritt ohne Gage – und ohne Unterbrechungen – auf und dann für immer von der Bühne ab.
Erstaunlich ist, daß es in den Archiven bis auf wenige Fernseh- Minuten von einem Rimbaud- und einem Villon-Vortrag, keinen Live-Mitschnitt von Kinskis Rezitationen gibt. Jesus Christus Erlöser gerät dadurch zum einzig nachvollziehbaren Zeitzeugnis einer einmaligen und atemberaubenden Deklamator-Karriere.
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Text: Peter Geyer
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„Ich steige auf den ersten besten Tisch und spreche, schreie, brülle, flüstere hauche, keuche, weine, lache die Balladen des François Villon aus meiner Seele. Barfuß, in zerrissenem Pullover und mit Schiebermütze, in der ich nach jeder Ballade Geld einsammle.“
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So beschreibt Kinski seinen allerersten Rezitationsabend im Frühjahr 1952 im Berliner Cafe Melodie. Zehn Jahre später beendet er eine Karriere, die Ihresgleichen sucht, wendet sich von der Bühne ab und dem Film zu. Die zuvor erbrachte Leistung ist rekordverdächtig, umfaßt mehrere hundert Auftritte in zumeist ausverkauften Sälen. In nur 4 Jahren, zwischen 1959 und 1962, nimmt er 30 Sprechplatten auf. Als Deklamator schafft er es 1961 sogar auf die Titelseite vom Spiegel, dort will man wissen, daß „eine Milllion Deutsche ihn gehört haben“ und errechnet über 389 Vorstellungen für die vorangegangenen 3 Jahre. Zu dieser Zeit ist er noch weit davon entfernt ein Weltstar zu sein, hat erst einige Nebenrollen und die ersten beiden Edgar-Wallace-Filme aber noch keine Hauptrolle gedreht. Aber er hat ein Publikum, das Ihn als Literatur-Presley verehrt und der Mythos Kinski ist bereits in aller Munde. 1961 tritt er nur fünfmal auf, dann zwingt ihn ein alter Vertrag zurück in den Tourneealltag. Er möchte das Neue Testament bearbeiten und sprechen, aber der Tourveranstalter winkt ab. Schließlich einigt man sich auf klassische Monologe, die Kinski nicht nur rezitieren, sondern in Kostüm und Bühnenbild spielen möchte. Der Presse erklärt er, dass er nicht Goethe, sondern Kinski sprechen werde. Die Erwartungen sind enorm, die Tournee ist ausverkauft. Die Premiere findet am 13. Oktober 1962 im Berliner Sportpalast statt und wird in der lokalen Presse gnadenlos verrissen.
Kinskis verhängnisvoller Irrtum besteht schlicht und ergreifend im Übersehen der Tatsache, dass Sprechtheater für Arenen oder Stadien nicht geeignet ist: Zu wenig ist auf den hinteren Rängen zu erkennen. Bei seinen früheren, auf den Effekt zielenden, lautstarken Wortsalven machte das dem Publikum, ähnlich wie bei Rock-Konzerten, nichts aus, war er gut zu verstehen und sein ekstatischer Vortrag mitreißend, aber mit nachdenklicher Stimme, in klassische Gewänder gehüllt, erfüllt Kinski die Erwartungen des Publikums an Großveranstaltungen im Allgemeinen und an ihn im Besonderen nicht. Er verkennt die Ursachen dafür, ist tief beleidigt und beginnt die Stimmung aufzuheizen. Mal wirft er einen Kronleuchter mit brennenden Kerzen ins Publikum, mal stört er sich lautstark am Lachen oder am Husten eines Zuschauers. Er sucht und findet Gründe, die Abende vorzeitig abzubrechen, was ihm bei ungefähr der Hälfte der über 20 Auftritte gelingt.
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Klaus Kinski | News | Klaus Kinskis - Jesus Christus Erlöser: "Ich bin nicht Euer Superstar!"
Klaus Kinskis – Jesus Christus Erlöser: “Ich bin nicht Euer Superstar!”
07.09.2009
„Ich steige auf den ersten besten Tisch und spreche, schreie, brülle, flüstere hauche, keuche, weine, lache die Balladen des François Villon aus meiner Seele. Barfuß, in zerrissenem Pullover und mit Schiebermütze, in der ich nach jeder Ballade Geld einsammle.“
So beschreibt Kinski seinen allerersten Rezitationsabend im Frühjahr 1952 im Berliner Cafe Melodie. Zehn Jahre später beendet er eine Karriere, die Ihresgleichen sucht, wendet sich von der Bühne ab und dem Film zu. Die zuvor erbrachte Leistung ist rekordverdächtig, umfaßt mehrere hundert Auftritte in zumeist ausverkauften Sälen. In nur 4 Jahren, zwischen 1959 und 1962, nimmt er 30 Sprechplatten auf. Als Deklamator schafft er es 1961 sogar auf die Titelseite vom Spiegel, dort will man wissen, daß „eine Milllion Deutsche ihn gehört haben“ und errechnet über 389 Vorstellungen für die vorangegangenen 3 Jahre. Zu dieser Zeit ist er noch weit davon entfernt ein Weltstar zu sein, hat erst einige Nebenrollen und die ersten beiden Edgar-Wallace-Filme aber noch keine Hauptrolle gedreht. Aber er hat ein Publikum, das Ihn als Literatur-Presley verehrt und der Mythos Kinski ist bereits in aller Munde. 1961 tritt er nur fünfmal auf, dann zwingt ihn ein alter Vertrag zurück in den Tourneealltag. Er möchte das Neue Testament bearbeiten und sprechen, aber der Tourveranstalter winkt ab. Schließlich einigt man sich auf klassische Monologe, die Kinski nicht nur rezitieren, sondern in Kostüm und Bühnenbild spielen möchte. Der Presse erklärt er, dass er nicht Goethe, sondern Kinski sprechen werde. Die Erwartungen sind enorm, die Tournee ist ausverkauft. Die Premiere findet am 13. Oktober 1962 im Berliner Sportpalast statt und wird in der lokalen Presse gnadenlos verrissen.
Kinskis verhängnisvoller Irrtum besteht schlicht und ergreifend im Übersehen der Tatsache, dass Sprechtheater für Arenen oder Stadien nicht geeignet ist: Zu wenig ist auf den hinteren Rängen zu erkennen. Bei seinen früheren, auf den Effekt zielenden, lautstarken Wortsalven machte das dem Publikum, ähnlich wie bei Rock-Konzerten, nichts aus, war er gut zu verstehen und sein ekstatischer Vortrag mitreißend, aber mit nachdenklicher Stimme, in klassische Gewänder gehüllt, erfüllt Kinski die Erwartungen des Publikums an Großveranstaltungen im Allgemeinen und an ihn im Besonderen nicht. Er verkennt die Ursachen dafür, ist tief beleidigt und beginnt die Stimmung aufzuheizen. Mal wirft er einen Kronleuchter mit brennenden Kerzen ins Publikum, mal stört er sich lautstark am Lachen oder am Husten eines Zuschauers. Er sucht und findet Gründe, die Abende vorzeitig abzubrechen, was ihm bei ungefähr der Hälfte der über 20 Auftritte gelingt.
Der Verlauf von Kinskis Tournee wirkt ein wenig wie die Abtreibung eines nie gewollten Kindes, und mit seinem letzten Auftritt am 9. Dezember in Wien – den er nicht vorzeitig abbricht – beendet er ein weiteres Kapitel seiner Karriere. In den nächsten Jahren gelingt ihm der Aufstieg zum international gefragten Filmstar. Er residiert in einer ehemaligen Schlossburg und Kirche in der Via Appia Antica und investiert sein schnell verdientes Vermögen in Luxuslimousinen, Dienstboten und Parties. Im Italo-Western wird sein Gesicht zum Gütesiegel, nicht selten dreht er mehr als zehn Filme pro Jahr. Erst 1971 zwingen ihn die italienische Filmkrise, der dortige Unmut über seine Allüren, seine Schulden und zwei deutsche Angebote in die Heimat zurück. Der junge Filmemacher Werner Herzog möchte Aguirre – Der Zorn Gottes mit ihm drehen, aber zuvor soll er noch den ersten Teil seiner Jesus Christus Erlöser-Tournee absolvieren. Der visionäre deutsche Konzertveranstalter Klaus Berenbrok, der in den Vorjahren erfolgreiche Tourneen mit Juliette Gréco, Udo Jürgens und Gilbert Bécaud durchgeführt hat, ist bereit, Kinskis alte Idee mit ihm umzusetzen. Eilig wird ein Tournee-Plan mit zehn Veranstaltungen für den Zeitraum vom 20. November bis 15. Dezember erarbeitet.
Die Premierenveranstaltung, deren Verlauf im Film Jesus Christus Erlöser so präzis rekonstruiert wurde, dass jedes von Kinski vor Abbruch der Veranstaltung auf der Bühne gesprochene Wort enthalten ist, gerät zum Debakel. In den nächsten Tagen sind die Zeitungen voller Berichte über ihren zuverlässigsten Krawall-Lieferanten, gegen den man sich diesmal auf das Schärfste wendet. Die Berichterstattung ist einseitig, Kinski wird zur Witzfigur stilisiert, die Provokationen des Publikums werden mit keinem Wort erwähnt. Niemand schreibt, dass die erste Störung bereits nach fünf Minuten erfolgte und der Erleuchtung eines Zuhörers zu verdanken war, der laut bezweifelte, „dass Kinski Jesus ist“. Die Atmosphäre ist vergiftet, der Vorverkauf für weitere Veranstaltungen erschwert. Berenbrok bittet bereits am 26. November um Entlassung aus seinen Verpflichtungen und meldet kurze Zeit später Konkurs an. Kinskis letzter Bühnenauftritt überhaupt, der am 27. November in der Düsseldorfer Philips-Halle stattfindet, wird bereits von Berenbroks ehemaligem Angestellten Richard Schulze durchgeführt. Kinski tritt ohne Gage – und ohne Unterbrechungen – auf und dann für immer von der Bühne ab.
Erstaunlich ist, daß es in den Archiven bis auf wenige Fernseh- Minuten von einem Rimbaud- und einem Villon-Vortrag, keinen Live-Mitschnitt von Kinskis Rezitationen gibt. Jesus Christus Erlöser gerät dadurch zum einzig nachvollziehbaren Zeitzeugnis einer einmaligen und atemberaubenden Deklamator-Karriere.