Anouar Brahem | Biografie

Anouar Brahem

“Wir sind alle Zuflüsse der Inspiration des Augenblicks, und das gilt für alle Musiker”, hat Anouar Brahem einmal gesagt. “Es ist die Magie des Augenblicks, die neben der Vorbereitung zählt. Es ist alles eine Frage der kollektiven Inspiration.”
An kollektiver und auch individueller Inspiration mangelt es auch auf “After The Last Sky”, dem mittlerweile elften Soloalbum von Anouar Brahem für ECM, ganz sicher nicht. Acht Jahre nach seinem letzten gefeierten Album “Blue Maqams” meldet sich der tunesische Oud-Spieler mit einem ergreifenden neuen Projekt zurück. Der Titel des Albums ist dem Gedicht “The Earth Is Closing On Us” von Mahmoud Darwisch (1941–2008) entlehnt, in dem es um das Leid des palästinensischen Volkes geht. Darin heißt es: “Where should we go after the last frontiers? / Where should the birds fly after the last sky?” Mit diesen metaphysischen Fragen setzt sich Brahem in den kammermusikalischen Instrumentalstücken von “After The Last Sky” auf subtile Weise auseinander.  Unterstützt wird er dabei erneut von dem Pianisten Django Bates und dem Bassisten Dave Holland, die bereits 2017 auf dem Vorgänger “Blue Maqams” zu hören waren. An die Stelle des Schlagzeugers Jack DeJohnette ist die Cellistin Anja Lechner getreten, die auf dem Album gleich eine tragende Rolle übernimmt. 
Anouar Brahem, 1957 in Tunis geboren, begann im Alter von zehn Jahren am dortigen Konservatorium Oud zu studieren und wurde später Schüler des großen Meisters Ali Sriti. In einer Rezension des ECM-Albums “Astrakan Café” schrieb Stéphane Ollivier 1999 in Les Inrockuptibles: “Brahem ist der Zauberer der Oud, ein Meister der akustischen Magie, die diese uralte traditionelle orientalische Laute in ihrer Kalebasse trägt: das musikalische Erbe der arabischen und islamischen Welt.” Brahem hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Oud den Status des emblematischen Soloinstruments zurückzugeben, den sie einst in der arabischen Musik innehatte. Gleichzeitig strebte er aber auch danach, die Traditionen durch die Zusammenarbeit mit Musikern anderer Idiome beträchtlich zu erweitern.
Mit diesem Ziel vor Augen zog er 1981 nach Paris, wo er in den folgenden vier Jahren mit Musikern der französischen Jazz- und Weltmusikszene sowie mit dem berühmten Balletttänzer und Choreografen Maurice Béjart zusammenarbeitete. Außerdem entstanden in dieser Zeit zahlreiche Kompositionen, vor allem für tunesische Filme und Theateraufführungen, aber auch für Costa-Gavras’ Filmdrama “Hanna K”, das den Nahostkonflikt thematisiert. 1985 kehrte Brahem nach Tunesien zurück, wo er seine intensive kompositorische Arbeit fortsetzte und sich in Konzerten mit in- und ausländischen Musikern einen Namen als Oud-Virtuose machte.
Seine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Produzenten Manfred Eicher und ECM Records begann Anouar Brahem 1989 mit dem Album “Barzakh”, auf dem er mit zwei Landsleuten zu hören ist: dem Geiger Béchir Selmi und dem Perkussionisten Lassad Hosni. Seitdem hat Brahem insgesamt elf Soloalben für das Label eingespielt und dabei mit namhaften Musikern unterschiedlichster Genres und Traditionen zusammengearbeitet, darunter der türkische Klarinettist Barbaros Erköse, die französischen Akkordeonisten Richard Galliano und Jean-Louis Matinier, der britische Saxofonist John Surman, der französische Pianist François Couturier, der deutsche Bassklarinettist Klaus Gesing und der schwedische Bassist Björn Meyer.  Anouar Brahems ECM-Diskografie umfasst die Alben…
Conte de L’Incroyable Amour (1991)
Madar (1994)
Khomsa (1995)
Thimar (1998)
Astrakan Café (2000)
Le Pas Du Chat Noir (2001)
Le Voyage De Sahar (2006)
The Astounding Eyes Of Rita (2009)
Souvenance (2014)
Blue Maqams (2017)
After The Last Sky (2025)

Außerdem wirkte er auf ECM-Alben des norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek (“Madar”, 1994) und des Orchestre National de Jazz mit dem italienischen Klarinettisten Gianluigi Trovesi (“Charmediterranéen”, 2002) mit.
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