Jonathan Tetelman | News | Booklettext: Jonathan Tetelman "Arias" - 12.8.2022 (VÖ) (DE/EN)

Jonathan Tetelman · The Great Puccini
Jonathan Tetelman · The Great Puccini

Booklettext: Jonathan Tetelman “Arias” – 12.8.2022 (VÖ) (DE/EN)

18.07.2022
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MUSIKALISCHES REIFEZEUGNIS
Dieses Album ist ein Debüt. Zudem ist es das Ergebnis einer eindrucksvollen Wandlung und Reifung und bei alledem eine innige Liebeserklärung an die Oper. Für Jonathan Tetelman ist sein Debütalbum anlässlich des Starts seiner exklusiven Aufnahmekarriere bei Deutsche Grammophon nichts weniger als »eine Bestätigung für die harte Arbeit, das sprichwörtliche Blut, den Schweiß und die Tränen, die ich in mein Singen, meine Kunst und meine Stimme investiert habe«. Es war ein intensiver Weg bis zu diesem Moment, der Neugierde weckt auf alles, was dem Debüt folgen mag.
»Das Singen lässt mich zu dem werden, der ich bin«, sagt Jonathan Tetelman. Die Liebe zur Musik wurde schon in früher Kindheit geweckt. Seine Mutter sang ihm jeden Abend Schlaflieder vor, später lauschte er den Vinyl-Aufnahmen seines Vaters und liebte den »Reichtum der Stimmen und den unkomprimierten Sound« der Platten. Bald darauf begann er selbst zu singen und entdeckte in der American Boychoir School als Mitglied eines tourenden Jungenchors die Faszination der Aufführung klassischer Musik – und nicht zuletzt sein herausragendes Talent inmitten lauter musikalischer Kinder. Vier Jahre verbrachte Tetelman an dieser Schule, er wechselte auf die High School und besuchte dann die Manhattan School of Music.
Mit 22 Jahren machte Tetelman dort seinen Abschluss als lyrischer Bariton im Fach Opera Studies. Für seinen weiteren Weg allerdings hatte er keine Orientierung. »Ich hatte zwar dieses Stück Papier in der Hand, aber hatte keine weiteren Perspektiven und musste mich erstmal ganz neu finden«, erzählt Tetelman von dieser schwierigen Zeit. Er ahnte bereits, dass er als Tenor Erfolg haben könnte, war aber lediglich als Bariton ausgebildet worden. Auf die Krise folgte eine Auszeit: Für drei Jahre arbeitete der Sänger als DJ und Promoter in einem Nachtclub in New York. Er sang kaum mehr in dieser Zeit – und merkte erst, wie sehr er die Musik vermisste. »Ich fühlte mich völlig verloren – es war, als ob ein Stück von mir fehlt«, so Tetelman. Eine Erkenntnis mit Folgen: Tetelman beendete seinen Nachtclub-Job und fand in Mark Schnaible einen Mentor und Lehrer, der ihn intensiv herausforderte. Innerhalb weniger Monate nur wandelte sich der Sänger mit ungemeiner Disziplin vom Bariton zum Tenor und entdeckte in dieser Zeit eine immense Kraft in sich. »Seither weiß ich: Wenn ich etwas erreichen möchte, dann schaffe ich das auch, aber ich brauche dazu einen guten Grund«, so Tetelman. Geht er heute an neue Partien und fordernde Arien heran, helfen ihm eben jene Fokussierung und jenes Durchhaltevermögen enorm, die er in dieser Phase des Umbruchs entdeckte.
Tetelman hat damals gelernt, »zwischen den Stimmen zu singen«, wie er es ausdrückt, und mit den ganz unterschiedlichen Stilen, Mechanismen und Dynamiken in seiner Stimme zu spielen. »Talent alleine reicht nicht«, ist der Sänger überzeugt. »Wenn du wirklich etwas sagen möchtest und mit deiner Stimme und Kunst etwas bewirken, dann musst du die ganze Palette der Technik beherrschen und perfekt mit der Stimme umgehen können.« Von dieser stimmlichen Vielfalt und Reifung erzählt auch dieses Album, auf dem Tetelman mit technischer und musikalischer Brillanz »durch die Zeitepochen und Genres wandelt«, wie er selber sagt. Die eigene Stimme beschreibt er als »lyrische Stimme mit viel Power« – eine »romantische Stimme im klassischen Sinne«, die auf dem Album in ausgewähltem italienischen und französischen Repertoire widerhallt.
»Wir haben für mein Debüt Werke ausgewählt, die ebenso sanft und delikat wie auch heroisch und dramatisch zu Herzen gehen«, sagt Tetelman. So finden sich in den Arien verschiedenste Typen und Charaktere wieder, expressiv und farbenreich ausgedeutet in den eindringlichen Interpretationen Tetelmans.
Als seine musikalische Heimat bezeichnet Tetelman die Klangwelt Giacomo Puccinis. »Es gibt für mich kaum größere Musik als jene Puccinis, ihr gehört mein Herz. Sie ist aufregend und wunderschön, sie ist einfach magisch.« Entsprechend nahe ist dem Sänger auch die Arie »Addio, fiorito asil« aus Puccinis Madama Butterfly. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Bedeutung in Tetelmans persönlicher Entwicklung: »Es ist das erste Stück, das ich je als Tenor gesungen habe und bei dem ich mich zum ersten Mal stimmlich zu Hause gefühlt habe. Hier habe ich gemerkt: Das könnte mein Weg sein.« Der Charakter des Pinkerton sei gleichwohl ebenso eigenartig wie herausfordernd. »Er ist definitiv kein Sympathieträger – die Musik aber ist unglaublich schön und die Orchestrierung enorm«.
Mit den Auszügen aus Francesca da Rimini von Riccardo Zandonai findet sich ein weiterer markanter Meilenstein aus Tetelmans bisheriger Karriere auf dem Album. Als Paolo feierte Tetelman seinen ersten großen Erfolg an der Oper in Berlin und begab sich ganz hinein in die Rolle des »vergesslichen hübschen Jungen, der herumhängt und Bücher liest«, wie Tetelman sagt, bis er auf seine Muse Francesca trifft, für die er alles aufgibt.
Mit Werther aus Massenets gleichnamiger Oper und Don José aus Georges Bizets Oper Carmen er weckt der Sänger zudem zwei Charaktere zum Leben, die sich in ihrer romantischen Natur durchaus ähneln, wie Tetelman sagt. »Sie sind beide in gewisser Weise verlorene Seelen. Sie geben alles auf, um die Frauen zu erreichen, die eigentlich gar nicht bei ihnen sein wollen«, so Tetelman.
Die Oper und das Hineinbegeben in fremde Rollen und Charaktere sind Jonathan Tetelmans Leidenschaft. »Ich liebe es, die psychologischen Aspekte der Charaktere herauszuarbeiten«, sagt der Sänger, und es sei jedes Mal aufs Neue faszinierend zu erkunden, wer die Person wirklich ist und wie sie sich während des Stücks entwickelt. Der entscheidende Moment sei dabei immer jener der tatsächlichen Aufführung vor Publikum: »Man weiß nie, wohin der Weg führt, bis man ein Stück das erste Mal vor Leuten aufführt. Das ist wahnsinnig aufregend – fast wie eine Droge«, so Tetelman. Die Unterstützung des Publikums und das Live-Erlebnis auf und vor der Bühne würden die Oper letztlich erst zu dem machen, was sie ist.
Im Studio hat Tetelman nun daran gefeilt, diese Intensität des Moments mit der Perfektion der Aufnahme zu verbinden. »Die Aufnahmesituation unterscheidet sich sehr vom Augenblick auf der Bühne«, so Tetelman. »Jedes Detail, jede Nuance, jede Farbe liegt offen, muss rein und bestmöglich unterstützt sein.« Das Wichtigste, damit dieser Anspruch erfüllt werden kann, sei letztlich die Selbstreflexion – also zu wissen, wer man ist und an welchem Punkt der Entwicklung man gerade steht.
Kaum jemand weiß das besser als der charismatische Sänger. »Ich freue mich sehr auf den Prozess, der nun beginnt und fühle mich am Anfang eines sicher aufregenden Wegs«, sagt Tetelman. Das notwendige Rüstzeug dazu besitzt er längst: Der suchende Bariton von einst ist heute ein Tenor, der in seinen Interpretationen aus dem Vollen schöpfen kann.
Dorothea Walchshäusl  
 
 
A MUSICAL GRADUATION
This album is a debut. At the same time it is the outcome of an impressive transformation and with that, a heartfelt declaration of love for opera. For Jonathan Tetelman, this debut album marking the beginning of an exclusive recording career with Deutsche Grammophon is nothing less than “a validation of all the hard work, the proverbial blood, sweat and tears that I’ve invested in my singing, my art and my voice”. It was a demanding road that led to this point, and that has sparked eager interest in everything the future may now hold.
“Singing lets me become who I am,” says Jonathan Tetelman. A love for music was kindled in his early childhood. Every night his mother would sing him lullabies, and later on he listened to his father’s LPs, and loved “the richness of the voices and the uncompressed sound” that came from the records. Not long afterwards, he started singing himself, and in the American Boychoir School, as a member of a touring youth choir, he discovered the special appeal of performing classical music – and not least his own exceptional talent, mixing exclusively with musical children. Tetelman spent four years at the school, then moved on to high school, and subsequently attended the Manhattan School of Music.
At the age of 22, Tetelman graduated from the Opera Studies faculty there as a lyric baritone, but didn’t know what direction to take next. “Yes, I had this piece of paper in my hand, but I had no further prospects and had to discover myself all over again,” Tetelman says of this difficult period. He already had an inkling that he could succeed as a tenor, but his training had been exclusively as a baritone. The crisis led to time out: for three years Tetelman worked as a DJ and promoter at a nightclub in New York. During this time he hardly sang – and only then did he notice how much he missed music. “I felt completely lost – it was like a piece of me was missing,” as he puts it. The outcome of this realization was that Tetelman stopped working at the nightclub and found a mentor and teacher in Mark Schnaible, who put intensive demands on him. In the space of only a few months, and with the application of exceptional discipline, the singer changed from a baritone to a tenor and on the way discovered enormous inner strength. “Since then I’ve known that if I want to achieve something, I can do it, but I need a good reason,” as he says. Today when he approaches new parts and demanding arias, he draws on that very focus and resilience he discovered during that phase of radical change.
Tetelman learned at that time how to “sing between the voices,” as he puts it, and how to play with the very different styles, mechanisms and dynamics in his voice. He is convinced that “talent itself is not enough. If you really want to say something and make an impact with your voice and your art, then you have to master the whole range of technique and be able to work round your voice perfectly.” This album conveys this vocal diversity and maturity too, and on it Tetelman takes, in his own words, “a trip through periods and genres”, with technical and musical brilliance. He describes his own voice as a “lyric one, with lots of power”, a Romantic voice in the classic sense, that rings out on the album in selections from the Italian and French repertoires.
“For my debut album we chose pieces that make an emotional impact for their gentleness and delicacy on one hand, and for their heroic and dramatic qualities on the other.” So the arias present different types and characters, expressively and colourfully brought to life in Tetelman’s vivid interpretations.
It is the sound-world of Giacomo Puccini that Tetelman identifies as his musical home. “For me there is no greater music than Puccini’s, it has a special place in my heart. It’s exciting, it sounds gorgeous and it’s quite simply magical.” The tenor has a particular attachment to the aria “Addio, fiorito asil” from Puccini’s Madama Butterfly, not least because of its significance in his own development: “It’s the first piece that I ever sang as a tenor and in which I felt for the first time vocally at home.” He feels the role of Pinkerton is in any case as much of a one-off as a challenge: “He is definitely not an appealing character – but the music is unbelievably beautiful and the orchestration is stupendous”.
One significant milestone in Tetelman’s career so far is referenced on the album with the extracts from Riccardo Zandonai’s Francesca da Rimini. Tetelman had his first great success at the Deutsche Oper in Berlin as Paolo, and completely identified with the role of the “nice, other-worldly young man who hangs around and reads books”, as he describes him, until he meets his muse Francesca, for whom he sacrifices everything.
With Werther in Massenet’s opera of the same name and Don José from Georges Bizet’s Carmen, the singer brings to life two characters whose romantic natures are definitely similar, as Tetelman says. “They are both lost souls in a certain sense. They give up everything to get the women they want, who actually don’t want to be with them at all.”
Jonathan Tetelman’s passion is opera and entering into unfamiliar roles and characters. “I love working through the psychological aspects of the characters,” he says, and he finds it fascinating to explore afresh every time who the person really is and how they develop during the piece. The key moment always comes with the actual performance in front of the audience. “You never know where you’re going with a piece until you perform it in front of people for the first time. That’s incredibly exciting – almost like a drug.” The support of the audience and the live experience both on stage and in the auditorium are ultimately the things that make opera what it is.
In the studio Tetelman has now worked on connecting this intensity of the moment with the perfection of a recording. “The recording situation is very different from what it’s like on stage,” he says. “Every detail, every nuance, every colour is open, and has to be cleanly supported in the best possible way.” The most important thing for this demand to be fulfilled ultimately comes down to self-reflection – knowing who you are and where you are in your development.
Few people know that better than this charismatic singer. “I’m really looking forward to the process that’s just started, and feel I’m at the beginning of a really exciting journey,” says Tetelman. He has long been in possession of the necessary tools: yesterday’s questing baritone is today a tenor who in his interpretations has limitless resources to draw on.
Dorothea Walchshäusl

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