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»OHNE GIACOMO PUCCINI WÄRE OPER NICHT DASSELBE«
2024 ist das 100. Todesjahr von Giacomo Puccini, einem der größten aller italienischen Opernkomponisten. Viele seiner Werke sind seit ihrer Premiere im Repertoire der Opernhäuser in aller Welt. Man denkt sofort an La bohème, uraufgeführt 1896 in Turin unter Leitung von Arturo Toscanini, an Tosca nach einem für Sarah Bernhardt geschriebenen Schauspiel und erstmals 1900 in Rom gespielt, und Puccinis »japanische Tragödie« Madama Butterfly: bei der Uraufführung 1904 an der Mailänder Scala legendär durchgefallen, aber drei Monate später in Brescia in einer revidierten Fassung ein Welterfolg.
Tragischerweise starb der Komponist vor Vollendung seiner letzten Oper Turandot; die heute übliche Schlussszene basiert auf einer Ausarbeitung seiner Skizzen durch seinen italienischen Kollegen Franco Alfano, aber auch dieses Stück war 1926 bei der postumen Premiere an der Scala ein rauschender Erfolg. Puccinis in China angesiedelte Oper hat der Gattung sogar die vielleicht berühmteste aller Tenorarien beschert: »Nessun dorma«.
Zu den herausragenden Tenören, die in den letzten Jahren international von sich reden gemacht haben, gehört Jonathan Tetelman. Das vorliegende Album ist gewissermaßen seine persönliche Hommage an Puccini. Tetelman, in Chile geboren und in Princeton, New Jersey, aufgewachsen, hat an den großen Opernhäusern in Europa und Amerika mit einem vielfältigen Repertoire Karriere gemacht.
Der stetig wachsende Fundus seiner Rollen ist breit gefächert – er feierte bemerkenswerte Erfolge in Werken von Verdi, Massenet und Puccini-Zeitgenossen wie Mascagni, Giordano und Zandonai –, doch in den letzten Jahren hat sich sein Schwerpunkt auf die Opern Puccinis selbst verlagert, was ihm großen Beifall und hervorragende Kritiken einbrachte. Er war bereits als Rodolfo in La bohème, Pinkerton in Madama Butterfly und Cavaradossi in Tosca zu hören, und für die nähere Zukunft sind weitere Rollen geplant.
Mit etwa 10 Jahren begann Tetelman, sich für Puccinis Musik zu interessieren: »Ich erinnere mich, dass ein Lehrer an der American Boychoir School uns eine CD der ›Drei Tenöre‹ vorspielte und Luciano Pavarotti sang ›Nessun dorma‹. Damals begriff ich noch nicht, wie Oper eigentlich funktioniert, aber dieses Erlebnis hinterließ einen bleibenden Eindruck, und von da an wollte ich klassischer Sänger werden.«
Bis zur Verkörperung von Puccini-Rollen auf der Bühne dauerte es natürlich noch eine Weile: »Als junger Bariton konzentrierte ich mich vor allem auf Mozart, Verdi und Rossini. Erst mit 26, und dann endlich als Tenor, wirkte ich erstmals in einer Puccini-Oper mit: La bohème – im chinesischen Fuzhou. Ich hatte mich bei einem Vorsingen in New York um diesen Job beworben, und ich werde diese Aufführung nie vergessen. Zum einen, weil ich hier zum ersten Mal Rodolfo sang, zum anderen, weil Puccinis Musik anscheinend keine Grenzen kennt: Selbst in dieser entlegenen chinesischen Stadt reagierten die Leute mit der gleichen Begeisterung und den gleichen Emotionen auf dieses Meisterwerk. Und ich? Ich fühlte mich in der Musik und in meiner Rolle sofort heimisch. Das sollte wohl so sein!«
Über Auszüge aus seinen derzeitigen Bühnenrollen hinaus enthält Tetelmans neues Album auch Arien und Szenen aus Le Villi, Manon Lescaut, La fanciulla del West, Il tabarro, La rondine und Turandot. Es fällt ihm leicht, einen Zugang zur Gefühlswelt des Komponisten zu finden: »Puccinis Figuren sind so real, dass ich unmöglich auf Distanz zu ihnen bleiben könnte! Ich finde es wundervoll, all diese verschiedenen Personen zu verkörpern und auf der Bühne ihr Leben zu leben!« Und er weiß auch um Puccinis bemerkenswertes Gespür fürs Erzählerische in der Oper: »Seine Musik verdeutlicht die Geschichte besser als die Handlung selbst: Durch die Themen, die Melodien und die großen Steigerungsmomente erreicht sie emotional die höchsten Höhen. Das Publikum daran teilhaben zu lassen, ist einfach wahnsinnig aufregend.«
Puccinis geschickte Charakterzeichnung findet Tetelman – besonders in den von ihm selbst gesungenen Tenorpartien – absolut bemerkenswert: »Puccini kann einen auf magische Art glauben machen, alle diese Figuren wären Helden, aber in jeder Person, die ich darstelle, finde ich auch Schwächen. Bei Puccini sind alle Figuren mehrdimensional, und man benötigt viel Zeit, nicht nur, um sich die Partie stimmlich zu erarbeiten, sondern auch, um die Rolle emotional wie musikalisch umfassend darzustellen.«
Es gab Zeiten, in denen sich Sänger und andere Musiker sehr für Puccini begeisterten, während Kritiker und Musikwissenschaftler mit Wertschätzung geizten. Diese Zeiten sind jedoch zum Glück vorbei, und der Respekt vor der Vielfalt seiner dramatischen Kunst mit ihren vielen verschiedenen Szenarien und ihrer außergewöhnlichen Gefühlstiefe wächst. Vor allem einige seiner späteren Werke wie die »Western«-Oper La fanciulla del West, die bittersüße romantische Komödie La rondine und die drei völlig unterschiedlichen Teile von Il trittico – Il tabarro, Suor Angelica (in der es leider keine Tenorrolle gibt!) und die hanebüchene Komödie Gianni Schicchi – sind dank internationaler Produktionen immer bekannter geworden.
Für Tetelman selbst stehen bereits weitere Begegnungen mit Puccini auf dem Programm: »Einige neue Partien kommen demnächst an die Reihe: Luigi in Il tabarro, Ruggero in La rondine, Des Grieux in Manon Lescaut und Dick Johnson in La fanciulla del West. Etwas weiter in der Zukunft liegen Calaf aus Turandot, eines Tages hoffentlich auch Roberto in Le Villi und warum nicht irgendwann Rinuccio in Gianni Schicchi?« Viele der Arien aus diesen avisierten Rollen sind auf diesem Album zu hören, ebenso wie Ensembles aus La bohème, Il tabarro und Madama Butterfly.
Tetelmans Respekt vor Puccini ist im Zuge seiner Beschäftigung mit dessen Musik größer geworden: »Ich bin mittlerweile geradezu besessen von Puccini. Ich höre, studiere und genieße seine Musik jeden Tag – und ich habe sogar meine Technik zu einem großen Teil auf seine Kompositionen eingestellt. Es gibt immer etwas von ihm zu lernen, und mein Geist ist immer offen für ihn. Ohne Giacomo Puccini wäre Oper nicht dasselbe. Grazie, Maestro!«
George Hall
“WITHOUT GIACOMO PUCCINI, OPERA WOULDN’T BE THE SAME”
The year 2024 marks the centenary of the death of Giacomo Puccini – one of the greatest of all composers of Italian opera. Several of his works have remained, from their initial launches to this day, central to the repertoires of opera houses worldwide: one thinks immediately of La bohème, premiered in Turin in 1896 under the baton of Arturo Toscanini; Tosca, based on a play written for Sarah Bernhardt, and which was created in Rome in 1900; and the composer’s “Japanese tragedy” Madama Butterfly – a notorious flop on its opening night at La Scala, Milan, in 1904, but three months later in Brescia, and in revised form, an enormous success.
The composer sadly died before his final opera Turandot could be completed – its final scene as we know it is based on an elaboration of his sketches by his Italian colleague Franco Alfano – but it, too, won a remarkable success on its posthumous premiere at La Scala in 1926. Indeed, Puccini’s Chinese opera has provided the genre with one of its most famous and indeed iconic tenor arias in the case of “Nessun dorma”.
One of the most outstanding tenors to rise to a high international profile in recent years is Jonathan Tetelman, who makes his own tribute to Puccini with this album. Born in Chile, he grew up in Princeton, New Jersey, and has developed a career taking in a wide repertoire in major opera houses throughout Europe and America.
While he enjoys a wide and growing repertoire – there have been notable successes in various works by Verdi, Massenet and contemporaries of Puccini such as Mascagni, Giordano and Zandonai – over recent years he has placed a certain focus on the operas of Puccini himself which have garnered him significant public acclaim and excellent reviews. Rodolfo in La bohème, Pinkerton in Madama Butterfly and Cavaradossi in Tosca have all featured, with other roles scheduled for the near future.
His interest in Puccini’s music began when he was around 10 years old. “I remember a teacher at the American Boychoir School playing a Three Tenors CD of Luciano Pavarotti singing ‘Nessun dorma’. At that time, I didn’t really understand how opera worked, but this became a specific moment in my decision to become a classical singer.”
As a stage performer, he came to Puccini somewhat later. “As a young baritone I was primarily focused on Mozart, Verdi and Rossini. It wasn’t until the age of 26, and finally as a tenor, that I performed my first Puccini opera – La bohème – in Fuzhou, China. I had won the job from an audition in New York and will forever remember this opportunity not only because it was my first time performing Rodolfo, but also because Puccini’s music seems to know no bounds: even in this distant city in China, this masterpiece drew from people the same appreciation and the same emotions. As for me, I immediately felt at home with the music and the character. It was destiny!”
In addition to his current stage roles, Tetelman’s latest album includes arias and scenes from Le Villi, Manon Lescaut, La fanciulla del West, Il tabarro, La rondine and Turandot. He finds it easy to connect with the composer’s emotional world. “There is such tangibility to Puccini’s characters that it is impossible for me to stay away! I love to become these other people and to live their lives on stage!” And he is also fully aware of Puccini’s remarkable feeling for operatic narrative. “His music seems to tell the story better than the story tells itself: it is heightened to the zenith of emotion through his themes, melodies and climaxes – which are such a thrill to share.”
Tetelman views Puccini’s ability to characterize individuals – especially in the tenor roles he himself sings – as remarkable. “Puccini has this magical way of making you believe that many of these characters are heroes, but I find so many flaws within each one I perform. All of Puccini’s characters are multidimensional, so a long period of time is required not only to develop the voice to sing the part, but also to fully portray the role both emotionally and musically.”
Once upon a time, while singers and other musicians shared an ongoing love for Puccini, critics and musicologists were less certain of his worth. Those days are gone, however, with increasing respect for the sheer variety of his dramatic art, with its numerous different settings and extraordinary depth of emotion. In particular, some of his later works such as the “western” opera La fanciulla del West, the slightly melancholy romantic comedy La rondine, and the three entirely different compartments of Il trittico – Il tabarro, Suor Angelica (no tenor role in that one!) and the outrageous comedy Gianni Schicchi – have all become far more familiar in international productions.
For Tetelman himself, further Puccini explorations already lie in store. “There are a few new roles on my immediate horizon: Luigi in Il tabarro, Ruggero in La rondine, Des Grieux in Manon Lescaut and Dick Johnson in La fanciulla del West. Further down the road lies Calaf from Turandot, and hopefully one day Roberto in Le Villi, and – who knows – why not Rinuccio in Gianni Schicchi?” Many of the arias from these projected roles are featured on this album, as well as ensembles from such works as La bohème, Il tabarro and Madama Butterfly.
Tetelman’s exploration of Puccini has deepened his respect for the composer: “Puccini has become an obsession for me. I listen, study and enjoy his music daily – and I have even built a lot of my technique around his compositions. There is always something to learn from him, and my mind is forever open to him. Without Giacomo Puccini, opera wouldn’t be the same. Grazie, Maestro!”
George Hall